Gedanken zum Peiner Freischießen

Es ist mal wieder so weit

Lärmend durch die Stadt ziehende und militärisch anmutende Musikzüge mit immer wieder gleichklingenden und deutlich an den Nerven zerrenden Melodien, ein lieblos abgeschossenes Standardfeuerwerk, per Aushang eineurojobbersuchende Schausteller auf dem Schützenplatz, teilverdaute Mageninhalte sowie Urin- und andere Proben vor den Türen etlicher Innenstadtbewohner. Dazu teils euphorische Berichte über neue Königs- und Prinzenwürden in der Lokalpresse: Peines "Fünfte Jahreszeit" steht mal wieder vor der Tür!

Da bei der Ausrichtung urbaner Festivitäten in den letzten Jahren wirtschaftliche Aspekte immer mehr in den Vordergrund gerückt sind – siehe die Abschaffung des bei Besuchern durchaus beliebten Eulenmarktes sowie die stiefmütterliche Behandlung und in Folge langsame Verkümmerung des Weihnachtsmarktes – möchte ich mal eine Diskussion über den Sinn bzw. Unsinn einer Weiterführung des Peiner Freischießens anstoßen.

Was ist überhaupt "Freischießen"?

Ursprünglich begann es mit einem Wettschießen, um die besten Schützen der Stadt zu ermitteln. Einmal als Bestandsaufnahme, um festzustellen, wie gut die Stadt im Notfall vor einfallenden Hildesheimern, marodierenden Hannoveranern oder brandschatzenden Braunschweigern geschützt werden kann. Dann auch, um das Interesse am Schießen in der Bevölkerung wachzuhalten. Damit der einfache Bürger im Falle einer überraschend ausgerufenen Fehde mit einer Nachbarstadt überhaupt wusste, dass man sich nicht nur mit Mistgabel und Spaten gegen angriffslustige Nachbarstädter verteidigen konnte. Und man wollte die Schützen motivieren, noch besser zu werden, indem man ihnen lukrative Siegesprämien in Aussicht stellte. Zum Beispiel die einjährige Befreiung von Steuern und Abgaben aller Art. So konnte sich ein Schütze, wenn er gut genug war, "freischießen". Während die Stadt dadurch sicher sein konnte, im Bedarfsfall immer gut schießende Soldaten parat zu haben.

Zeiten ändern sich

Dank WoW und Co. kann heute jedes Kind gut schießen, wenn nicht sogar besser als viele Erwachsene. Statt einer brutal ausgetragenen Fehde werden Nachbarstädte heutzutage einfach wegfusioniert. Im größeren Maßstab werden physische Differenzüberwindungen mit ferngesteuerten Drohnen auf Knopfdruck erledigt, dazu ist eine IT-Ausbildung wesentlich hilfreicher als altmodische Schießübungen auf Pappscheiben. Und wer sich im ganz kleinen Maßstab mit seinen direkten Nachbarn nicht versteht, greift heute nicht mehr zu Fehdehandschuh und Vorderladerbüchse, sondern sehr viel zivilisierter zur Visitenkarte eines Rechtsanwaltes.

Von Steuern oder anderen Abgaben kann man sich heute auch nicht mehr freischießen. Selbst das Recht auf Hochzeit ist, anders als in der Oper "Der Freischütz", nicht mehr damit verbunden. Dafür gibt es heute Online-Datingportale, auf denen man sich alle elf Minuten verlieben kann. Da kommt wirklich jeder zum Zuge, ob Singles mit Niveau oder Akademiker. Oder jemand, der mit einem Luftgewehr das Auge einer Zielscheibe trifft. Demgegenüber sorgen die "heißen Tage" bzw. durchzechten Nächte des Peiner Freischießens oftmals nur für temporäre Neuverbindungen, von denen die meisten spätestens nach der Ausnüchterung wieder in Vergessenheit geraten.

Da sollte man die völlig berechtigte Frage stellen dürfen: Wozu brauchen wir dieses Freischießen überhaupt noch?

Der heilige Begriff

Wenn man sich mit Eingeborenen unterhält, kann man den Eindruck gewinnen, der Begriff "Freischießen" sei heilig und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Nichts und niemand auf der Welt dürfe den Frevel begehen und das böse S-Wort dafür benutzen. Wer es dennoch wagt, dem werden ernste Konsequenzen angedroht – bis hin zur unfreiwilligen Lokalrunde!

Dabei wissen anscheinend nur wenige, dass die Peiner selbst es vor noch nicht allzu langer Zeit als Schützenfest bezeichnet haben. Es gibt sogar historische Postkarten vom "Peiner Schützenfest".

Und anders als von den meisten Fuhsestädtern vermutet, ist das Peiner Freischießen keinesfalls weltbekannt. Es ist nicht mal deutschlandweit bekannt, obwohl es als eines von nur wenigen Schützenfesten in ganz Deutschland die Bezeichnung "Freischießen" trägt.

Verstaubte Tradition

Man sollte ernsthaft über die Abschaffung des Peiner Freischießens nachdenken, denn wer zu lange an unzeitgemäßen Traditionen festhält, kann schnell als altmodisch und nicht anpassungsfähig gelten. In unserer schnelllebigen Zeit kann man sich diesen Makel nicht leisten. Peine sollte sich lieber als modern und zukunftsfreudig präsentieren, wenn es überregionales Interesse erregen will.

Und noch wichtiger: Wirtschaftliche Aspekte sollten immer die oberste Priorität haben! Wenn eine Veranstaltung keine Gewinne abwirft und stattdessen auch noch Kosten verursacht – man denke nur an die zusätzlichen Schichten der Stadtreinigung – dann sollte man den Mut besitzen und sich davon trennen. Tradition ist oftmals nur ein teurer Bremsklotz. Das Peiner Stadtmarketing hat das gut erkannt, als es den überregional bekannten Eulenmarkt über Nacht in den Papierkorb der Stadtgeschichte warf. Mal schauen, wann auch die Ausrichter und Sponsoren des Freischießens diese Lektion endlich lernen.

Wir hätten ohnehin keine Chance, mehr als bisher aus dem Freischießen zu machen. Der Schützenplatz ist zweigeteilt und für die Fahrgeschäfte, Los- und Fischbuden muss schon jetzt eine Hauptdurchfahrtsstraße über eine Woche lang komplett gesperrt werden. Eine Straße, die zur Autobahn führt, der wirtschaftlichen Lebensader unserer Stadt. Wohin sollte ein größeres Freischießen ausweichen, wenn es jetzt schon Platzprobleme gibt? Mal abgesehen davon, dass es dann auch teurer werden würde. Die Unterstützung einer solchen Idee würde ein auf seine Zukunft bedachter Volksvertreter mit Blick auf die nächste Wahl wohl kaum riskieren.

Schützenfest gibt es woanders besser

Aber das eigentliche Totschlagargument: Gegen eine Ausweitung oder auch nur Weiterführung des Peiner Freischießens spricht schon allein das immer wieder zeitgleich stattfindende Schützenfest unserer Nachbarstadt Hannover. Dessen Bekanntheitsgrad ist wesentlich höher, gilt es doch nicht nur laut Wikipedia als größtes Schützenfest der Welt! Und wer schon einmal dort gewesen ist, der muss zugeben: Wer Rummel liebt, nicht immer dieselben langweiligen Fahrgeschäfte sehen will und darüber hinaus keine lokalpatriotischen Verpflichtungen hat, der wird die siebenundzwanzigminütige Zugfahrt in unsere Landeshauptstadt gern in Kauf nehmen.

Finanzmittel sinnvoller einsetzen

Das durch ein gestrichenes Freischießen eingesparte Geld könnte sinnvoller eingesetzt werden, um beispielsweise den Peiner Weihnachtsmarkt aufzupeppen. Bisher ist der nämlich eine zunehmend klägliche Ansammlung an tristen Buden mit gelangweilten Insassen, welche spätestens zu Fußgängerzonengeschäftsschluss die Luken schließen und die Lichter löschen. Während man in anderen Städten auch nach den Feiertagen noch mal gemütlich einen Pott Glühwein und nebenbei eine Bratwurst genießen kann, schließt der Peiner Weihnachtsmarkt pünktlich zu Heiligabend. Irgendwann muss aber auch mal Schluss sein!

Wie wäre es stattdessen mit einer kleinen Finanzspritze, um den Weihnachtsmarkt auf die gesamte Fußgängerzone auszudehnen? Bei einem überregional bekannten und romantisch ausgerichteten Weihnachtsmarkt mit langen Öffnungszeiten – auch der Geschäfte in der Fußgängerzone – würden viele Besucher aus dem Umland zu uns kommen und ihr Geld in Peine lassen. Während des Peiner Freischießens hingegen ist wohl kaum mit erhöhter Kaufaktivität zu rechnen.

Wirtschaftliche Aspekte über alles!

Man sollte auch bei dieser Frage die wirtschaftlichen Aspekte berücksichtigen. Die Wirtschaftlichkeit ist nun mal das wichtigste Kriterium und oberstes gesellschaftliches Ziel bei allen Entscheidungen der heutigen Zeit! Wohin man auch schaut: Alles wird immer weiter optimiert, um immer mehr einsparen bzw. um den Gewinn immer effizienter maximieren zu können. Werbung wird immer tiefgreifender personalisiert, um auch noch den letzten Cent aus einem potentiellen Kunden herauszubekommen. Universitäten, Krankenhäuser und sogar Seniorenheime müssen wie Großkonzerne Gewinne abwerfen, wenn sie überleben wollen. Auch die schulische Ausbildung unseres Nachwuchses findet mittlerweile unter wirtschaftlichen Aspekten statt: Mit so wenig finanziellen Mitteln wie nötig versuchen wir Deutschen, die beste Ausbildung für eine spätere Ausbeutung Verwendung unseres Nachwuchses auf dem Arbeitsmarkt zu bewerkstelligen. Darunter darf dann gerne mal die Schulausstattung oder sogar die Gebäudesubstanz der Lehranstalten leiden. "Wohlfühlatmosphäre" wird überbewertet – es zählen Inhalte! Unwichtige Themen, zum Beispiel Astronomie oder Naturkunde, werden für einen auf wesentliche Themen komprimierten Lehrplan gern geopfert. Die Rechtschreibung wurde bereits mit Methoden à la "Schreibt erst mal, wie Ihr sprecht - die korrekte Form lernt Ihr später" geopfert. Und mittlerweile gibt es ernsthafte Überlegungen, Kindern in den ersten Schuljahren nicht mal mehr Handschrift beizubringen. Tastaturschreiben reicht völlig aus, da dies in einigen Jahren vermutlich die einzige nonverbale Kommunikationsform sein wird. Warum also unnötig Geld und Zeit verschwenden, um Kindern Druck- und Schreibschrift, vielleicht sogar lesbare Schönschrift beizubringen? Maximal könnte man der nächsten Generation noch die Bedeutungen der zehn bis fünfzehn wichtigsten Emoticons beibringen, das sollte dann aber auch reichen.

Außer leisen Unmutsbekundungen hier und da hinter vorgehaltener Hand widerspricht fast niemand dieser modernen Weltanschauung. Es kann also von einem allgemeinen Einverständnis ausgegangen werden. Ich wundere mich wirklich, dass man bei all diesen Entwicklungen noch nicht erkannt hat, dass ein Freischießen wie bisher weder zeitgemäß noch finanziell vertretbar ist.

Rein wirtschaftlich betrachtet ist Freischießen mindestens eine Nullnummer, wenn nicht gar ein Zuschussgeschäft. Allerhöchstens die lokale Brauerei dürfte über Freischießen mehr Umsatz als zur Weihnachtszeit machen. Um lokalpolitischen Umsturzversuchen zuvorzukommen, sollte man für diejenigen, die Freischießen als alljährlich stattfindendes fünftägiges Dauerbesäufnis sehnsüchtig erwarten, ein paar zusätzliche gut ausgestattete Bierzelte auf dem Hagenmarkt aufstellen. Damit wären alle zufriedengestellt.

Dies sind meine Gedanken zum Freischießen und ich glaube nicht, dass ich damit ganz allein bin.

Mein Popcorn liegt bereit, möge der Shitstorm die Diskussion beginnen.